Radio Interview, Ö3-Dabei

Wien (Austria)

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Radio Interview: Ö3-Dabei, Wien, am 5.9.1984

Interviewer: Sie als Frau sind die Lehrerin, nicht nur die Lehrerin, sondern die Gründerin einer Yoga-Theorie. Ist das in Indien allgemein so, dass auch Frauen das machen? Ich habe gelesen, dass Sie sagen, alles kommt von der Mutter Natur, gibt es daher viele Frauen, die so wie Sie Lehrerinnen sind, oder sind Sie in diesem Sinn eine einzigartige Person?

SHRI MATAJI: Das ist eine ziemlich peinliche Frage, nicht wahr? Ich glaube, eine Mutter kann die Dinge besser angehen als irgendjemand anderer; in diesem Sinne muss man viel Geduld mit den Leuten haben, ist es nicht so? Nehmen wir Christus, er war so freundlich, er ließ sich kreuzigen und hat seine Arbeit getan. Er war so angewidert, und Shri Krishna pflegte einfach seinen Sudharshana‑Diskus zu nehmen und Leute zu töten. Aber wenn man Menschen wirklich emanzipieren soll, wenn man wirklich dafür sorgen muss, dass sie bekommen, was sie haben, dann muss man die echte Geduld einer Mutter haben.

Interviewer: Vielleicht können Sie mir einige nicht ganz private Dinge Ihres Familienlebens erzählen. Ich habe in Ihrer Biographie gelesen, dass Ihre Töchter verheiratet sind und dass Sie erst danach mit dem begonnen haben, was Sie jetzt tun. Haben Sie sie beeinflusst, als sie noch Kinder waren? Wann haben Sie begonnen, Ihre Theorie, Ihr Yoga, zu entwickeln?

SHRI MATAJI: Nein, ich war mir dessen seit meiner frühesten Kindheit sehr bewusst.

Ich wurde in der protestantischen christlichen Religion geboren, mein Vater und meine Mutter waren erleuchtete Menschen, speziell mein Vater war ein sehr erleuchteter Mensch und eigentlich hat er mir gesagt, was für eine Aufgabe ich haben werde, wegen der Schwierigkeiten, die ich mit Menschen haben würde. Er schilderte mir, wie menschliche Wesen seien, ihre Probleme, und was für Variationen und Kombinationen sie hätten.

Später dann musste ich auch heiraten, wie es in Indien Sitte ist, und ich heiratete einen sehr netten Mann und dann bekam ich Kinder. Ich dachte, bevor ich ein bestimmtes Alter erreicht habe sollte ich nicht anfangen darüber zu sprechen, weil die Leute es in meiner Jugend nicht ernst genommen hätten.

Daneben hatte ich ein anderes Problem, ich fand heraus, dass Menschen bestimmte Variationen und Kombinationen von Barrieren haben und wenn ich en‑masse die Selbstverwirklichung geben will, muss ich alle diese Barrieren mit einem Schlag überwinden, das heißt, während eines Vortrags sollte ich Tausenden Menschen die Selbstverwirklichung geben und alles ausarbeiten können.

Ich fing an, die Menschen zu studieren, ich versuchte durch den subtilen Verstand zu erkennen, wie ich ihre Kundalini erwecken könnte, wie ich ihnen Selbstverwirklichung geben könnte und was ihre Probleme sind. Es hat mich einige Zeit gekostet das zu lösen. Gleichzeitig entwickelte sich alles für die Hochzeiten meiner Töchter und sie ließen sich häuslich nieder.

Als ich am 5.Mai 1970 sah, wie die Dinge geschehen und all das, da dachte ich, es ist die richtige Zeit den letzten Teil davon zu öffnen, den ich hatte – das Siebente Chakra. Und das habe ich dann getan ‑ und das ist der Punkt, dann habe ich wirklich die Selbstverwirklichung en‑masse gemeistert, denn bis dahin war es die Selbstverwirklichung von einer oder zwei Personen. Und mein Vater sagte mir: „Du bist tatsächlich geboren um den Leuten die Selbstverwirklichung en‑masse zu geben. Also fang gar nicht an darüber zu sprechen – oder Du wirst eine neue Bibel oder Gita erschaffen, was nützt das? Arbeite besser am System, damit Du die Menschen richtig verstehst, und dann beginne mit der en‑masse Selbstverwirklichung. Denn wenn jemand im 10.Stock geboren ist, und jemand Anderer im 1.Stock, weißt Du, dann kann er den anderen nicht verstehen und er wird diesen Menschen angreifen. Darum ist es das Beste, dass Du sie höher steigen lässt von dort, wo sie sind, damit sie wenigstens verstehen, dass es noch etwas Höheres gibt.“

Das Wissen von Sahaja Yoga ist nicht von heute, ich würde deshalb nicht von „Gründerin“ sprechen. Es ist in der Tradition der Spiritualität, es fing schon sehr viel früher an, die Selbstverwirklichung wurde in Indien vor Tausenden von Jahren gegeben, aber sie wurde einer oder zwei Personen gegeben.

Auch Christus hat in seiner Zeit ein großartiges Werk der Wiederauferstehung vollbracht und dabei gesagt, dass man wiedergeboren werden muss. Es ist nicht nur ein Zertifikat, oder die eigene Meinung, dass wir wiedergeboren sind, oder eine künstliche Taufe. Es ist ein echter Vorgang, ein lebendiger Prozess in uns selbst, der stattfinden muss, über den alle Inder natürlich Bescheid wissen, denn sie werden traditionell so erzogen. Wir wissen daher, dass es geschieht. Das Wissen über die Wurzeln gibt es mehr in Indien als hier, wo es mehr das Wissen über den Baum gibt, könnte man sagen. Wenn dieses Ereignis einmal geschehen ist, erreichen Sie diese neue Dimension, die wir kollektives Bewusstsein nennen, durch das wir kollektiv bewusst werden. Man kann die Energiezentren einer anderen Person spüren und die eigenen Zentren. Wenn Sie wissen, wie man sie korrigieren kann und wie man die Zentren einer anderen Person korrigieren kann, dann können Sie sie geistig heilen, Sie können sie körperlich heilen, Sie können sie emotionell heilen und sie werden zugleich zu Bürgern in Gottes Reich.

Interviewer: Zurück zu Ihren Töchtern. Praktizieren die beiden auch Yoga?

SHRI MATAJI: Nein, sie praktizieren es nicht, weil ich sie niemals dränge. Ich sagte mir, sie sollten ihre eigene Zeit bestimmen. Das hat eine gute Seite, denn wenn meine Familie ins Spiel kommt könnten die Leute denken, das ist ein Familienunternehmen. Sie sind sehr gute Töchter, sehr religiös, sollte ich sagen, sehr ausgeglichen, sehr aufgeweckt. Mein Gemahl ist auch ein großartiger Mann. Aber sie praktizieren nicht Sahaja Yoga. Ich habe sie herausgehalten, ferngehalten, aber meine Enkelkinder sind realisiert geboren, vier von ihnen, und sie sind große Sahaja Yogis.

Also, diese Personen sind jetzt einmal draußen, weil es nicht angebracht ist, sie jetzt dort zu haben. Auch unter einem anderen Aspekt, wenn ich mich mit meinen Kindern beschäftige, wissen Sie, könnte man denken, das sind die Töchter von Shri Mataji. Sie betet sie an, versucht ihnen Geld, zu geben, und dies und das ‑ es wäre sehr störend. Ich möchte das nicht. Ich habe einfach gesagt, dass sie ohnehin in jedem Fall zu Sahaja Yoga kommen werden, nur jetzt ist nicht die Zeit dafür. Zuerst sollten sich die Leute ordentlich etablieren, weil sonst dadurch die ganze Aufmerksamkeit abgelenkt wird.

Interviewer: Wer ist nach Ihrer Meinung der Richtige für Yoga. Gibt es eine Gruppe, die sich leichter von Yoga anziehen lässt, oder ist es für alle, oder ist es eine Frage der persönlichen geistigen Erziehung?

SHRI MATAJI: Nein, Erziehung ist überhaupt nicht erforderlich. Je einfacher Sie sind, umso besser. Manchmal kann Erziehung ein Hindernis sein, weil man einfach das Wichtigste nicht mitkriegt, würde ich sagen, wenn Sie „übergebildet“ sind. Aber wenn Sie diese Intelligenz haben, diese unschuldige Intelligenz, die so scharf ist, die erkennt sehr leicht, worum es geht. Doch jemand, der überintelligent ist, kann sehr egoorientiert sein, nicht wahr? Und jemand, der zum Beispiel sehr konditioniert ist und ritualistisch, der Glauben hat, blinden Glauben an Dinge, der ist auch sehr schwierig. Daher braucht man eine sehr einfache Persönlichkeit, die eine offene Haltung hat. Eine wissenschaftlicher Verstand wäre besser, würde ich sagen ‑ aber die meisten Leute, die ich treffe sind von der Art, wie sie in den Dörfern Indiens leben oder, sozusagen, an Plätzen mit nicht so viel künstlicher Kompliziertheit; sie sind normale Menschen mit beiden Füßen fest auf der Erde.

Interviewer: Die Jugend in Westeuropa und Amerika sucht nach einem Ziel, nach einer Bestimmung – oder nicht nach einer Bestimmung, sondern nach dem, was darüber hinausgeht. Heißt das nicht auch, dass die westliche Philosophie keinen geeigneten Weg für das Höhere bietet, wofür die östliche Philosophie manchmal etwas gibt, wenn wir ganz allgemein sagen, Yoga ist östliche Philosophie. Sehen Sie das so, dass die hochindustrialisierte westliche Welt dem geistigen Menschen keine Wege anbieten kann?

SHRI MATAJI: Das habe ich einem anderen Herrn auch gesagt, sehen Sie, die westliche Zivilisation ist wie der sichtbare Teil eines Baumes, und das östliche Verständnis des Spirit (Seele) ist wie seine Wurzeln. Also gibt es eine Kontinuität, ich kann nicht das eine vom anderen trennen, man braucht den Baum und der Baum braucht die Wurzeln. Wurzeln muss der Baum haben, er kann nicht ohne sie auskommen, also ergänzt sich beides. Aber wenn es ein Ungleichgewicht gibt, wie dann, wenn ein Baum zu hoch wächst und er erreicht seinen Ursprung nicht, dann könnte es eine Zerstörung geben. Genau das ist es, was im Westen passiert ist, ihr habt euch überentwickelt, und diese Überentwicklung hat euch zu einem Problem geführt. Weil ihr die Mutter Erde ausgebeutet habt, eure Energiequellen erschöpft habt und eure Gehirne erschöpft habt. Alles ist an einem Punkt der Erschöpfung. Und so ist es jetzt besser, zu den Wurzeln zu gelangen. Wenn ihr dann zu den Wurzeln kommt, merkt ihr, dass ihr den Ursprung nicht erreicht habt. Wo ist der Ursprung? Der Ursprung liegt in euch, im Menschen selbst und dieser Ursprung muss gefunden werden. Und dieser Ursprung ist der Spirit (Seele), die alle großen Heiligen, alle großen Inkarnationen in ihrer Tradition einer nach dem anderen ausgedrückt und beschrieben haben. Aber alle haben es missverstanden und ein Durcheinander daraus gemacht. Wir haben Gott organisiert, wir haben Christus organisiert, wir haben Mohammed organisiert, wir haben jeden organisiert, aber sie sind etwas Lebendiges, man kann sie nicht organisieren.

Interviewer: Aber wenn ich ein Top‑Manager bei Ford oder IBM bin, bin ich dann wirklich die Person, um Yoga zu betreiben? Widerspricht es sich nicht, wenn jemand Teil dieser hochindustrialisierten westlichen Welt ist, dass ihm jederzeit östliche Philosophie angeboten werden kann? Ist es nicht ein Entweder ‑ Oder?

SHRI MATAJI: Nein, Sie werden wirklich dynamisch, weil Sie ein Zeuge des ganzen Spieles werden, Sie sehen dieses Spiel. Sie werden dynamisch, es gibt keinen Druck, keine Spannung. Sie verstehen alles in allen Dimensionen. Weiters entwickeln Sie eine Ausgeglichenheit, Sie wissen, wie weit Sie gehen können. Ich meine damit, sie übertreiben nichts. Sie entwickeln eine ordentliche Perspektive, eine balancierte Entwicklung, und das ist es, was nötig ist. Denn wir haben unsere Balance verloren.

Interviewer: Kennen Sie nicht viele Leute, die mehr von Yoga erwarten als es geben kann? Hat nicht auch das Yoga in Westeuropa einen Punkt, dass es dem Individuum das nicht gibt, dass Leute denken, gut, ich kann so Vieles durch Yoga erreichen und sie erkennen nicht, dass sie sich nur selbst finden können?

SHRI MATAJI: Sehen Sie, „Yoga“ wird im Westen sehr falsch verwendet und die Leute wissen nicht, was Yoga ist. Wenn Sie Patanjali lesen, so wird dort gesagt, dass man seine Selbstverwirklichung kriegen muss und dann, wie man durch die Selbstverwirklichung wachsen kann. Wenn Sie einmal in der Selbstverwirklichung zu wachsen beginnen, entwickeln Sie eine Persönlichkeit, die die Welt als Einheit sieht. Sie erreichen ihre Gesundheit. Und wenn Sie ihre Gesundheit erreichen, kommt auch die vollständige Balance und das heilende Empfinden. Zum Beispiel, wenn da ein Problem in meinem linken Finger ist, versuche ich ihn zu reiben und meinen Schmerz zu lindern ‑ wem helfe ich dann, wen unterstütze ich, was ist ein Entwicklungsland, was ist ein entwickeltes Land? Sie brauchen etwas von dem, das sich entwickelt, und das Entwickelte. Das Ganze bedeutet wir haben unsere Gesundheit nicht erreicht. Wir sind bis jetzt noch nicht integriert. Es ist nur möglich, wenn Sie diesen Punkt erreichen, der in uns liegt, der kollektiv bewusst ist ‑ und das ist der Spirit (Seele). Wenn Sie diesen Punkt einmal erreicht haben, werden Sie kollektiv bewusst, und wenn Sie kollektiv werden, verstehen Sie ihre eigene Gesundheit.

Was die Leute hier in Yoga anstreben, ist etwas, das von Leuten hergebracht wurde, die nichts davon verstehen. Yoga bedeutet Vereinigung mit dem Göttlichen, es bedeutet Vereinigung mit dem Göttlichen. Wenn sie mit dem Göttlichen eins werden, beginnt das Göttliche durch Sie zu fließen und Sie werden wesentlicher Teil des Ganzen. Sie werden es! Es ist nicht die Frage, ob man einfach ein Zertifikat übernimmt. Es geht nicht darum, auf den Straßen zu rennen oder auf dem Kopf zu stehen, es ist nicht Yoga, dass Sie verstehen müssen, falls es ein Problem gibt, ein physisches Problem, was für eine Übung man jetzt genau machen muss. Aber, auch das ist nur möglich, wenn Sie Ihre Selbstverwirklichung bekommen.

Vor der Selbstverwirklichung wissen Sie nicht, wo Sie krank sind. Die Leute wissen es nicht, sie werden verrückt, aber sie wissen nicht, dass sie verrückt werden. Also diese Verrücktheit, die Sie finden, oder die Unausgeglichenheit, die Sie finden, hört auf, weil wir uns dieser Sache zugewendet haben, die man Spirit (Seele) nennt. Denn mit unseren mentalen Vorstellungen konnten wir nicht dort hinkommen. Was wir daher tun müssen, ist, uns an diesen Zugang zu einer neuen Dimension zu gewöhnen, durch den Sie dies werden, was Sie werden müssen, weshalb Sie auf diese Erde gekommen sind; und wenn Sie es einmal bekommen haben, sind Sie dort.

Ihr habt so viele Dimensionen. ‑ Was mich angeht, sie wissen, ich bin die Frau von jemand, der manchmal 600 Leuten die Hand geben muss und einerseits muss ich mit Leuten auf dieser Ebene umgehen und mit dieser Art von Leuten. Ich mache das auch und ich habe mein Haus geschmückt. Ich meine, ich kann 1000 und eine Sache unternehmen und ich bin trotzdem eine sehr entspannte Person. Also, was Sie erreichen müssen ist all das, von dem wir sprechen, wir sprechen von Demokratie, wir sprechen von Kommunismus, beides erscheint mir künstlich, denn bevor und bis Sie etwas haben, wie können Sie ein Kapitalist sein? Wir sind nichts. Was haben wir? Wir haben nichts außer Plastik. Was haben wir? Schauen Sie, dass Sie etwas haben wie, ich würde sagen, ich bin ein großer Kapitalist, denn ich habe all die Kräfte und ich bin der größte Kommunist, denn ich muss alles verteilen.

Also, letztlich bin ich der wahre Kapitalist und der wahre Kommunist. Alle eure Ideen sind nur Ahnungen von dieser großen Wahrheit. Ich bin der größte Kommunist, ich bin der größte Kapitalist. Alle eure Ideen über die Wirtschaftslehre. Die Wirtschaftslehre ist so empfindlich, sie sagt, im Allgemeinen sind die Bedürfnisse nicht zu befriedigen, im Einzelnen schon. Also das heißt die Bedürfnisse, das heißt diese Materie wird euch keine Befriedigung geben. Also, wo ist die Befriedigung?

Sie ist im Spirit (Seele). Alles zielt auf diesen Punkt ab. Man sollte diesen Punkt erkennen.

Interviewer: Ich danke Ihnen.

SHRI MATAJI: Möge Gott Sie segnen!